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letzte Aktualisierung
28.06.2017

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LT-Schneewittchen

Silvester in Lilienthal : Lieber 100 Meilen als 42 Kilometer

Als Ultraläufer so sagt man, zieht man sich die Laufschuhe für Kurzstrecken nicht mehr an. Zu Silvester sollte es ein 100 Meilen- Lauf (161 Kilometer) sein. Die Vorbereitung im Training ist nicht anders, wie für die Kurzstrecke Marathon. Man sammelt Kilometer, man vereinbart einmal im Monat eine große Einheit indem man dies im Rahmen einer Marathon, Utramarathonstrecke oder einfach nur so am Wochenende läuft. Tempoeinheiten setzte ich mir bei 5 oder 10 Kilometer Wettkämpfen. Bei der Winterlaufserie in Alfter erlernte ich „Laufen im Schnee und Glattem Boden“ und um diesem Abwechslungsreichen Trainingsplan abzurunden sollten 2-3 Stunden Läufe im Ennert/Siebegebirge nicht fehlen. Um die Augen an die Nacht zu gewöhnen, sind Läufe zur dunklen Tageszeit auch sehr sinnvoll. Zum Training gehört auch die Zeit der Regenration und vor allem auch Schlaf. Erhöhter Aufwand betreibt man mental mit tausend Fragen, dabei gilt dies alles im Training auszuprobieren und nicht erst beim Lauf. Nur ein Fehler und der Lauf kann dann beendet sein. Und da fängst du wirklich von vorne an. Welchen Kopfschutz trägt man, wie schütze ich meine Haut im Gesicht. Werden meine Augen tränen? Wie viele Kleidungsstücke werde ich in der Zwiebeltechnik tragen müssen? Welches Schuhwerk, mit oder ohne Spikes. Welche Handschuhe? Was für Hosen? Was man eher schlecht trainieren kann, ist was man so Essen und Trinken kann. Im Training gilt, Erfahrungen zu sammeln was einem schmeckt, was einem Kraft gibt, was man gut verträgt, womit man sich belohnen kann.

Ich hatte zwei konkrete Ziele: Entweder ich schaffe die 100 Meilen, wenn dies nicht möglich ist, dann mein alternativ Ziel „bis Silvester“!

Ich legte folgende Rennstrategie „ der Weg zum Ziel“ fest: Schlafen kann ich zu Hause, ich werde nicht schlafen und keine großen Rennpausen machen! Ich werde ein angenehmes Tempo laufen. Laufen ist besser wie Gehen, Gehen ist besser wie Stehen, Stehen besser als Sitzen! Vor Augen setzt man sich nicht die ganzen 100 Meilen, sondern man stückelt diese. Somit überlistet man die Krisen die auf alle Fälle kommen. Es ist nicht zu empfehlen so was zu sagen: Ich laufe erst mal 100 Kilometer und dann schau ich mal. Besser ist, sich genau Zeiten und Punkte zu setzten wo man mental sich wieder erfrischt und weiterhin in Bewegung setzt. Man blockiert sonst sein Unterbewusstsein, wenn man sich sowas einredete wenn ich nicht mehr kann dann schlafe ich eben.

 

Der Start sollte um 06.00 Uhr sein, allerdings hatten viele Probleme erst mal zur Rennstrecke zu kommen. Vor lauter Glatteis waren 8 Kilometer zum Deich hin, schon der längste Wettkampfweg zum Start. Mit nun ca. 15 Minuten Verspätung war es nun soweit. Der Lauf in die Meilen begann. Bernd Z. meine Laufkollege war ganz besonders guter Laune. Er hatte ganz besonders aufgepasst wie der Rennstreckenverlauf sein wird, er ist bekannt dafür andere Wege zu nehmen. So, war sein besonderer Blick zu schauen, dass wir die anderen Lichter der Lauflampen nicht verlieren. Immer rechts herum, da pausierten wir für eine Sekunde und merkten uns genau wie hier gekennzeichnet wurde. Dann weiter den Lichtern hinterher. Der Boden war für mich gut mit Spikes zu belaufen. Beim Bernd Z. zeigten sich andere Interessen, er übte sich ansatzweise im Eiskunstlaufen. Dann über das Feld ganz schön ordentlich Schnee, es waren in den ersten Runden nur 1,5 Kilometer, die ich später anfing zu hassen! Die restlichen 3 Kilometer erliefen sich zur Hütte der Verpflegungsstation rasend schnell. Schon in der dritten Runde, konnten wir in der Hütte die Lauflampen ablegen, denn es war hell geworden. Ein Nachteil man sah die Strecke jetzt live und lief eher verhalten, denn man macht sich mehr Gedanken über den Weg wenn man sieht wo man läuft. Bernd Z. ging derweilen auf der Strecke immer wieder seinem zweiten Hobby nach, er führte Sprünge, Pirouetten und besondere Schritte des Eiskunstlaufens aus. Ich daneben bekam immer wieder einen Lachkrampf, denn er hatte auch eine besondere Kunst sich selbst zu retten. Allerdings irgendwann hatte ich abends auch Ängste bei seiner Ausführung, denn wenn er gefallen wäre so hätte ich faktisch alleine weiter gemusst. Dabei muss man wissen, dass man irgendwann im Rennverlauf sich mitten auf dem Feld (so geschah es mir) Gedanken darüber macht, ob es nun auf dem Deich auch Hungrige Füchse gibt? Um 10 Uhr kam ein wenig Abwechslung auf die Runde, denn zu dieser Zeit waren die Marathonläufer gestartet. Ein Marathonläufer den ich vor fast zwei Jahren kennengelernt habe, half mir um 15 Uhr beim freudigen Wiedersehen meine erste Krise zu überwinden. Denn mittlerweile hatte sich Tauwetter mit Sonnenschein eingespielt. Das Laufen über das Feld ist ansatzweise zu beschreiben, wie ein Laufen durch weiche Butter. Schon jetzt fühlte sich der 1,5 Kilometerfeldweg an, wie gelaufene 3 Kilometer. Der Veranstalter Carsten A. Mattejiet – selbst super erfahrender Meilenläufer- hatte Stress in der Hütte, denn bei allen Läufern zeigten sich die ersten Wehwechen von Übelkeit bis Schmerzen und alle meldeten Bedürfnisse an. Carsten musste schon drei Stunden früher uns alle mit Proteinen und Eiweiße versorgen. Er musste systematisch sich schnell was einfallen lassen, wie er uns ermunterte und uns auch zügig wieder aus der warmen Hütte schmiss damit alles weiter läuft! Und ich hatte Motivation weiterhin durch das Treffen mit dem Marathonläufer sowie, dass zu meiner Überraschung um 16 Uhr meine Familie zur Strecke kam. Immer wieder galt es, meinen Gedanken nicht die Macht zu geben, das die Strecke unmöglich zu belaufen war. Nein, ich musste immer wieder mir sagen, Schritt für Schritt und Kilometer für Kilometer, Meile um Meile! Einfach ist das nicht, denn dein erstes Ziel vor Augen verschwamm. Die 100 Meilen waren nicht zu schaffen, nicht in der Zeitvorgabe. Und das war bestimmt meine zweite Krise, in der ich erfahren musste das Carsten der Veranstalter eine besondere Gabe dafür hatte auch jemanden wie mich im Rennen zu lassen. Er half mit den Worten du bist über die Marathondistanz hinaus, und nun gilt sich Schritt für Schritt sich die nächsten Ziele zu erlaufen. Jetzt schaust Du auf die 50 Meilen und denn AK Platz 1 hast Du sowieso. Also, raus hier aus der Hütte. Nehmt Euch was mit auf die Strecke! Ja, Schokolade und Rosinen, Salzheringe Lakritz, das warme Wasser unterwegs vor der Abbiegung bevor es auf das Feld geht, der ständig lachende laufende Italiener, das abklatschen der anderen Mitläufer und alle hatten immer noch ein Lächeln halfen nun auch weiterhin die nur 1,5 Kilometer Feldstrecke die sich nun anfühlten wie 5 Kilometer zu überstehen. Und mit Humor betrachtet, brachte Bernd Z. es doch wieder fertig zu versuchen, sich zu verlaufen, in dem man einfach mal links abbiegt! Wenn wir noch in der 9 Runde dachten, wir versuchen darüber hinaus auch noch 100 Kilometer zu erlaufen, dann kann ich euch sagen das die 9 und 10 Runde für uns die schlimmsten Runden jemals im Leben waren. Sie waren die schlimmsten Runden meines Lebens. Uns wurde alles abverlangt, motorisch konnten wir uns zwar bewegen aber unmöglich wurde sich noch zu koordinieren. Hätte ich bei den Hürden am Feld keinen Mitläufer gehabt, der mir die Hand reichte dann wäre ich gefallen und hätte mich entschlossen dort liegen zu bleiben. Die Spikes waren denn auch nicht mehr zu nutzen, denn durch das Tauwetter bekam man Druck auf die Sohle an den Stehlen wo nur noch Asphalt war, der allerdings in der Nacht auch wieder spiegelglatt war. Wenn man sich nun an dieser Stelle fragt, wieso was hat Dir das gebracht. Nun, das hier war ein Abenteuer. Ein ganz besonderes. Denn vor allem zeigte sich, dass ich sehr gut in der Lage bin ein Worst Case zu überstehen. Ich war auf die denkbar ungünstige Entwicklung sehr gut vorbereitet und ich hatte in meinen Tausend Taschen für jegliche eintretbaren Situation alles mit. Widrige äußere Umstände zu bewältigen, scheint mir zu liegen. Immerhin war ich auch in der Lage Grenzen zu erkennen. Nach den 50 Meilen, wäre für mich ein weiter Laufen für keinen Meter mehr sinnvoll gewesen. Es wurde noch Regen und Sturm angesagt, für diesen Kampf der Natur wäre ich noch nicht in der Lage gewesen. Dazu benötigt man Schnelligkeit. Dieser Lauf hat mir Grundlage und Erfahrungen beschert, die mir keiner nehmen kann. Nach dem ich um 0:05 mein Ziel der 50 Meilen erreichte, zeigte auch mein Körper dass ich alles erreicht hatte. Mit dem schwersten Gang zum Auto setzte bei mir sofortiger Schüttelfrost ein. Ich kam kaum in das Auto rein und dann wie ich endlich zum sitzen kam, schlief ich sofort ein. Meine Gracia sagte zu mir: „ Mama nun bist Du auch Läuferin im Schnee“. Und sie hatte Recht, wie schön sie das nun sagte. Ich hatte bei diesen Runden, den größten Bezug mit Blick in die Ferne auf den weißen Schnee, dass ich auf dieser Welt Planet Erde, laufen darf. Ich spürte die Erdanziehungskraft, aber auch das Gefühl mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen und zu existieren. Und diese Erfahrung kann mir keiner nehmen. Und ich glaube auch, nicht ich wollte nach Lilienthal sondern Bremen will mich. Ich gewann einen Tag später einen Freistart Marathon in Bremen. Also, lieber Norden ich komme wieder!